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Fastnacht – ein Ritual des Übergangs


Ritual des Übergangs


In einer Zeit, in der die Natur sich zurückzieht und das Licht schwindet, beginnt die Fastnacht mit einer kurzen, furiosen Feier.


Dann tritt Stille ein.

Starre, Besinnlichkeit, Tiefe.


Erst wenn das Licht langsam zurückkehrt, erfährt die Fastnacht ihren Höhepunkt – als Siegeszug über Dunkelheit, Angst und Schaurigkeit.


Ordnung wird gelockert, ausgelassen gefeiert. Masken werden getragen, wie sie aus den Erzählungen unserer Vorfahren in den Rauhnächten entsprungen sein könnten.

Sich zu verkleiden, jemand anderes zu sein, entspringt vielleicht dem Wunsch, aus der eigenen Haut zu fahren – sich zu entfalten.


Ängste werden sichtbar und durch schaurige Masken angeschaut. Sie dürfen vergehen – in Ausgelassenheit und Tanz.


Die Schwere des Winters darf sich lösen.


Langsam und sanft kehren Leichtigkeit und Lebensfreude zurück.




Die wilden Gestalten – Wenn Angst ein Gesicht bekommt


In der Zeit zwischen den Jahren, wenn die Tage am dunkelsten sind, werden Geschichten erzählt – von Wesenheiten, die ihr Unwesen treiben. Unheimlich, angsteinflößend, schaurig. Und wenn der Wind um die Häuser pfeift, verstärkt er dieses Gefühl.


Doch vielleicht stehen hinter diesen Geschichten sehr reale Ängste: Krankheit, Bedrohung, Tod. Das Unerklärliche. Die Unordnung. Eine Schwere, die sich über das Leben legt.


Diese Themen verschwinden nicht mit dem Ende der Rauhnächte. Sie hallen nach – bis ins neue Jahr hinein.


In den wilden Gestalten der Fastnacht bekommen diese Ängste ein Gesicht. Masken von Hexen, Fabelwesen oder Tieren bringen das Unbenannte nach außen – schaurig und manchmal auch schön.


Was sichtbar wird, verliert an Macht. Angst wird angeschaut, getragen und bewegt.


Je nach Region nimmt das unterschiedliche Formen an. Im alemannischen Raum und in Bayern archaisch, mit Anklängen von Dämonentanz und Hexenzauber. Im Rheinischen laut und verspottend: Hier werden die Oberen dem Volk gleichgestellt, gesellschaftliche Sorgen öffentlich gemacht und durch das närrische Treiben entlastet.


Allen Formen gemeinsam ist: Angst und Enge dürfen sich zeigen – und kommen in Bewegung.




Licht in der Dunkelheit


Noch heute springen Hexen durch Feuer – zur Initiation, zur Reinigung. Sie lassen etwas zurück.


Am Feuer entstehen Wärme, Licht und Gemeinschaft. Die Dunkelheit ist noch da, doch sie wird gehalten. Sie greift nicht mehr nach uns.


Ein kleines Licht genügt, um die Nacht bewohnbar zu machen.


Und langsam wird es heller.

Tag für Tag gewinnt das Licht an Kraft. Vielleicht kaum merklich – und doch spürbar am Morgen, wenn der Tag ein wenig früher beginnt.


Licht breitet sich aus. Es nimmt der Dunkelheit nicht ihren Raum, aber es verändert ihn.


Bewegung entsteht.

Transformation beginnt.



Lärm, Umkehr und Bewegung



Nachdem Angst ein Gesicht bekommen hat und im Licht gehalten wurde, bleibt sie nicht stehen. Sie will sich bewegen.


Zuerst geschieht das durch Worte. In der Bütt' werden Missstände benannt, die Obersten dem Volk gleichgestellt. Autoritäten verlieren für einen Moment ihre Unantastbarkeit.


Was über das Jahr Druck aufgebaut hat, darf ausgesprochen werden. Spott wird zum Ventil, Lachen löst Enge. Das ist mehr als Unterhaltung – es ist soziale Entlastung. Energie, die festsaß, kommt in Fluss.


Dann geht die Bewegung auf die Straße.


Trommeln, Rufe, Rhythmus und Tanz bringen die Körper in Schwung. Was eingefroren war, beginnt zu tauen. Was schwer war, kommt in Bewegung.


Die Winterruhe endet nicht plötzlich, aber sie wird durchlässig. Etwas wächst. Etwas entfaltet sich – wie ein Löwenzahn, der durch Asphalt bricht.


Bewegung entsteht. Richtung entsteht. Nach außen.




Wenn es stiller wird


Oft ist in diesen Tagen vieles in Bewegung – nicht nur auf den Straßen. Wenn viele Menschen gleichzeitig feiern, tanzen und laut sind, bleibt auch das eigene Empfinden selten unberührt.


Manches wirkt nach. Gedanken kreisen schneller. Gefühle zeigen sich deutlicher.



Vielleicht genügt ein kleiner Moment:


Füße auf den Boden. Spüre das Gewicht deines Körpers.

Ein bewusster Atemzug. Schultern sinken lassen.

Einfach da sein – mit allem, was ist.

Und wahrnehmen:

Was tanzt noch?

Was möchte sich lösen?

Was darf sich jetzt setzen?

Bleib einen Moment dort.




Nach der Wildheit kehrt Stille ein. Nicht erzwungen, sondern als natürliche Folge. Übergang für etwas Neues.



Nachklang – Vom Vertrauen, dass der Frühling kommt


Der Winter geht nicht auf einen Schlag. Er weicht.

Manchmal fast unmerklich – wie Nebel, der sich hebt, wenn die Sonne stärker wird.


Was schwer war, hat sich gezeigt, bewegt und gesetzt.


Und irgendwann kommt der Frühling.


Nicht durch Drängen oder Eile, sondern auf leisen Sohlen.


Vielleicht liegt darin die alte Weisheit der Fastnacht: Wandel geschieht mit der Zeit. Leise.


Wenn das Alte gesehen wurde und seinen Platz hatte, entsteht Raum für Neues.

 
 
 

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