
Ostern – vom Ende und vom Anfang
- A Keukert

- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Wenn das Leben zurückkehrt
In diesen Tagen beginnt mein Morgen oft mit dem Gesang der Amseln.
Noch bevor ich richtig wach bin, sitzen sie irgendwo in den Bäumen und begrüßen den Tag mit ihrem klaren, fließenden Lied.
Wenn ich dann später in den Garten gehe, scheint der Frühling plötzlich überall angekommen zu sein.
Blüten öffnen sich, Bienen summen zwischen den Zweigen, und die Luft trägt diesen ganz eigenen Duft, der nur zu dieser Jahreszeit gehört.

Nach den stillen Wintermonaten zeigt sich das Leben nun wieder ganz offen.
Ganz lebendig.
Schon lange bevor Ostern ein christliches Fest wurde, feierten Menschen zu dieser Zeit den Aufbruch des Lebens.
Rund um die Frühlings-Tagundnachtgleiche begingen sie Feste, die Fruchtbarkeit, Neubeginn und die Rückkehr des Lichts in den Mittelpunkt stellten.
Viele der Symbole, die wir heute mit Ostern verbinden, stammen aus dieser Zeit:
Das Ei als Zeichen des entstehenden Lebens.
Der Hase als Sinnbild für Fruchtbarkeit und Lebenskraft.
Feuer, das den Winter vertreibt und die Kraft der Sonne zurückholt.
Die Menschen feierten, dass die Erde wieder fruchtbar wurde – und neues Leben hervorbrachte.

Später bekam dieses Fest eine andere Sprache.
Im christlichen Verständnis erinnert Ostern daran, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Dass aus dem Ende heraus neues Leben entstehen kann.
Wenn man genau hinschaut, erzählen beide Traditionen von derselben Bewegung:
Der Winter stirbt – und das Leben kehrt zurück.
Der Tod ist nicht das Ende – Leben entsteht neu.
Auch in der Natur selbst zeigt sich dieser Rhythmus immer wieder.
In der chinesischen Betrachtung der Natur beschreibt man diese Bewegung als einen stetigen Wandel, der sich in verschiedenen Phasen entfaltet.
Der Winter sammelt die Kräfte im Verborgenen.
Aus dieser Stille wächst im Frühling neues Leben.
Der Sommer bringt es zur vollen Entfaltung.
Im Spätsommer trägt die Erde, nährt und hält, was gewachsen ist.
Im Herbst beginnt das Loslassen – bis sich alles wieder zur Ruhe sammelt.
Die Natur kennt diesen Kreislauf ganz selbstverständlich.
Vielleicht berührt uns das Osterfest genau deshalb so tief.
Weil wir diese Bewegung aus der Natur kennen.
Aus der Stille des Winters wächst der Frühling.
Aus dem Ende entsteht ein neuer Anfang.

In diesen Tagen begegnet mir diese Lebendigkeit überall im Garten.
Zwischen all den Blüten entdecke ich immer wieder kleine Veilchen im Rasen.
Sie wachsen unscheinbar zwischen dem Gras – und doch tragen sie eine stille Schönheit in sich, die man leicht übersieht, wenn man nicht genauer hinschaut.
Im Mittelalter wurde in manchen Regionen sogar das erste Veilchen des Jahres gefeiert – als Zeichen dafür, dass der Frühling wirklich zurückgekehrt war.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade diese kleinen Blüten für Bescheidenheit stehen.
Sie drängen sich nicht in den Vordergrund – und sind doch da.
Wie in der Natur zeigt sich dieser Wandel auch in unserem eigenen Leben.
Im Großen wie im Kleinen.
Im Außen wie im Innen.
Vor kurzem saß eine meiner langjährigen Patientinnen noch einmal bei mir in der Praxis.
Als ich ihr sagte, dass meine Praxis bald eine Pause machen wird, schaute sie mich an und sagte leise:
„Das ist sehr schade.“
In diesem Moment habe ich gespürt, was Übergänge wirklich bedeuten.
Etwas war lebendig. Eine Zeit, die uns verbunden hat.
Und gerade deshalb fällt das Loslassen nicht leicht.
Am Abend wird es im Garten langsam ruhiger.

Der Teich plätschert leise vor sich hin, irgendwo singt noch eine Amsel, und aus dem Gebüsch meldet sich kurz ein Rotkehlchen.
Manchmal hört man noch das tiefe Brummen der Hummeln zwischen den Blüten.
Das Licht wird warm und weich.
Und doch ist überall dieses Gefühl von Leben, das sich weiter ausbreitet.
Vor einigen Tagen saß ich schon barfuß im Garten unter unserem Amberbaum.
Die Sonne war so warm, dass ich sie deutlich auf der Haut spüren konnte.
Vögel flogen zwischen den Zweigen hin und her, und um mich herum war dieses lebendige Summen des Frühlings.
In solchen Momenten hört man auf, über den Frühling nachzudenken.
Man spürt ihn einfach.
Kein Müssen.
Kein Sollen.
Nur Leben.
Vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieser Zeit.

Nicht nur den Neubeginn zu verstehen – sondern ihn zu erleben.
Die Wärme der Sonne auf der Haut.
Den Gesang der Vögel.
Das Summen des Lebens um uns herum.
Der Frühling hält sich nicht zurück.
Er kommt mit Kraft, mit Bewegung, mit Lebendigkeit.
Und vielleicht dürfen wir uns davon anstecken lassen.







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